Leseprobe aus Kapitel 1

  

I.  

1 Bier oder Cocktail?

Da stand sie. An der Bar. Ganz alleine. Blonde schulterlange Haare, große Augen, volle Lippen. Etwas verloren blickte sie umher. Sie hatte eine weiße Bluse an, die drei oberen Knöpfe waren geöffnet. Man kam nicht umhin, einen Blick auf ihre wohlgeformten Brüste zu werfen. 

Starr nicht so. Das ist ja peinlich. 

Stefan sprach mit sich selbst und versuchte, unauffällig woanders hinzuschauen. Nach einer Weile setzte er seine Objektbeobachtung fort und musterte die Frau seiner Begierde. 

Er sah eine enge blaue Jeans und hohe weiße Pumps. Auch das noch. Er stand auf hohe Schuhe. Ihr Gesicht war derart hübsch, sie sah aus wie gemalt. Wie alt mochte sie sein? Mitte oder Ende 20? Es war egal, sie war perfekt.

Nervosität überkam ihn, obwohl er nur dastand und nichts machte. Er fühlte sich, als ob er in Kürze etwas unternehmen müsse. 

Was tun? Sie ansprechen, aber wie? 

Panikgefühle wie vor einer Prüfung überkamen ihn. Doch die Zeit, sie anzuquatschen, war noch nicht gekommen. Er brauchte einen Plan. 

Okay, einen Plan. Stefan war sich bewusst, er hatte keinen und sein Kopf war leer. 

Bleib ruhig, vielleicht fällt dir ja noch was ein.

Stefan nahm sich zumindest vor, gelassen zu wirken. Obwohl man ihm ansah, dass er das überhaupt nicht war. Man konnte nämlich immer sehr gut an seinen Augen ablesen, in welcher Gefühlslage er gerade war. An sich wäre es häufig besser für ihn, eine Sonnenbrille zu tragen. Aber in der dunklen Disco war das ja eher suboptimal.

Wie sie wohl hieß?

Vermutlich Lena, Sarah oder Sophia. 

Hübsche Frauen heißen meistens so. Irgendwie komisch. Woran das liegt?

Stefan versuchte, darüber nachzudenken, und erinnerte sich daran, dass dies wenig Sinn machte. Bereits bei „Hitch, der Date Doktor“ hieß es: „Bleib präsent und gib dich nicht irgendwelchen Tagträumen hin.“

Stefan beschloss, sie Lena zu nennen. Er sah sie an und wartete, dass sie seinen Blick erwiderte. Aber nichts dergleichen geschah, sie schaute überall hin, nur nicht zu ihm.

Sollte er einen Handstand machen oder auf und ab hüpfen? Oder das Zaubern anfangen, wie es in skurrilen Ratgebern immer hieß? Welch schwachsinnige Gedanken. 

Doch da, ihr Blick wanderte langsam in Stefans Richtung. Gleich war es so weit, dann würden sich ihre Augen zum ersten Mal begegnen. Sie würde innehalten, ihm tief in die Augen schauen, ihn anlächeln und möglicherweise sogar zuzwinkern. Jahre später würden sie immer wieder davon erzählen: „Weißt du noch damals, als wir uns das erste Mal im T90 gesehen haben. Es war Liebe auf den ersten Blick.“

Das würde sich auch sehr gut für eine Rede bei ihrer Hochzeit eignen. Der Trauzeuge würde es in seine Laudatio einbauen. Und alle wären hin und weg. Was für eine fantastische Liebesgeschichte.

„Vermeide deine Tagträume.“ Stefan fiel der Date Doktor ein. Urplötzlich waren die Selbstzweifel wieder da: Die bemerkt dich sowieso nicht.

Warum sollte es heute nicht mal anders sein? Eventuell war Stefans großer Tag ja gekommen.

„Hast du schon mal gehört, dass in der Disco Liebesbeziehungen entstanden sind?“ Die Worte von Maximilian, seinem besten Freund, kamen Stefan in den Sinn. Maximilian versuchte Stefan immer wieder zu erden und ihn von dem Druck zu befreien, unbedingt eine Frau finden zu müssen.

„Außerdem darfst du dir nie anmerken lassen, dass du auf der Suche bist. Die Frauen spüren das sofort und das wirkt abschreckend auf sie.“ 

Das Mysterium „Frauen“ war ein häufiges Gesprächsthema zwischen Maximilian und Stefan. Wo war Maximilian überhaupt? Er wollte doch nur auf die Toilette und war bereits eine ganze Weile verschwunden. 

Lenas Kopfbewegung setzte sich fort. Gleich würden sich ihre Blicke streifen. Stefan versuchte, so gelassen wie möglich zu schauen. 

Strahle Überlegenheit und Coolness aus. Jetzt. Sofort.

Stefan sah sich nicht selber, was vielleicht besser war. Mit seinem gekünstelten Gesichtsausdruck sah er nämlich aus wie ein begossener Pudel, den man vor dem Einkaufszentrum vergessen hatte und der verzweifelt auf sein Herrchen, oder besser gesagt Frauchen, wartete.

Die Blicke von Lena und Stefan begegneten sich. Was für ein magischer Moment … hätte dies sein können.

Es passierte nämlich rein gar nichts.

Das Reh, das er erlegen wollte, um es mal auf den Punkt zu bringen, sah einfach an ihm vorbei. Diese Lena nahm ihn nicht im Geringsten wahr. 

Frust machte sich in Stefan breit. 

Er musste es wohl doch mit der Brechstange probieren, wie es in der Fußballsprache hieß. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. Im Klartext hieß das, sich dem Reh unverhohlen zu nähern, bevor es wieder davonsprang. 

Seitdem er von seiner Therapeutin ein Buch mit dem Titel „Weg des Mannes“ geschenkt bekommen hatte, fielen ihm immer mehr dieser Jagd-Metaphern ein. Das schamanische Buch zielte auf die Beziehungen zwischen Mann und Frau ab. Dabei wurde der Mann als Jäger bezeichnet, der auszieht, um das Wild, also die Frau, zu erlegen. Besser gesagt zu fangen, sonst hätte er ja nichts davon und wäre gleichzeitig ein Psychopath. Wenngleich fangen eigentlich auch nicht passte und in eine ähnliche schräge Richtung zielte. Gemeint war sicherlich, das Wild für sich zu gewinnen. 

Dieses schlaue Buch hatte das Ziel, den Mann mit spirituellen Übungen auf seine Jagd vorzubereiten. Denn nur, wenn der Jäger im Besitz all seiner Kräfte war und „mit dem Herzen sehen konnte“, war es Zeit, die Jagd zu beginnen. Ansonsten sollte er sich zurückziehen, an seinen Kräften arbeiten und auf seine Einsatzzeit warten. 

Was Stefan schon länger wusste: Er war überhaupt nicht bereit für die Jagd und fühlte sich eher wie ein in vergangenen Kämpfen angeschossener Jäger. Doch nun war er ungeduldig und hatte keinen Bock mehr zu warten, bis seine Jagdzeit endlich gekommen war. Er wartete schon viel zu lange und glaubte sowieso nicht so recht an die Verheißungen des Buches. All diese Übungen und bewusstseinserweiternden Trainings schienen bei ihm nicht zu fruchten. 

Warum sollte es heute nicht mal anders sein? Er war ausgeschlafen, seine Laune war ganz ordentlich, er war noch nicht zu sehr angetrunken und hatte sein Lieblingshemd an. Darin musste er einfach gut aussehen. Es gab also keinen Grund, sich dieser Lena nicht zu nähern und sie anzusprechen. 

Stefan sah nochmals zu ihr hinüber und nahm sich vor, einfach zu ihr hinzugehen. Er wollte nicht darauf warten, bis ihm ein anderer Jäger zuvorkam, sie einfach weglief oder Maximilian ihn bequatschte. 

Stefan hatte in diesem Moment eine Bestimmung. Er musste sich einfach auf Lena, das Reh oder besser gesagt, die Frau seines Lebens, zubewegen. Es war an der Zeit. 

Stefan schlich sich von hinten an und stand dann plötzlich neben ihr. Sein Herz schlug heftig. Er wartete einen Augenblick. Lena drehte sich zu ihm um und sah ihn an. Was für wundervolle blaue Augen. Stefan war überwältigt. Aber plötzlich wurde ihm etwas klar. Er hatte sich überhaupt nicht überlegt, was er ihr sagen wollte.

„Ach da steckst du. Hab dich schon überall gesucht.“ 

Maximilian sah Stefan vorwurfsvoll an. 

„Na, das Gleiche könnte ich zu dir sagen. Wolltest doch nur auf die Toilette?“ 

„Ich bin meiner Ex-Freundin Sabine über den Weg gelaufen. Mann, war das peinlich.“

„Warum denn?”

„Na, sie hatte ihren neuen Freund dabei. Ich sage dir, der ist bestimmt dreißig Jahre älter als sie. Zumindest schaut er so aus. Ist unglaublich, dass ich gegen so ein Exemplar eingetauscht wurde. Soll sie mal glücklich mit dem werden.“ 

„Ja, soll sie doch“, antwortete Stefan geistesabwesend. 

„Was ist denn mit dir los? Du schaust so verwirrt.“ 

„Danke, das kann ich jetzt gerade noch gebrauchen. Bist ein echter Freund.“ 

„Bitte schön. Aber jetzt mal im Ernst. Was ist los?”

„Erinnere mich beim nächsten Mal daran, dass Diskotheken einfach nichts für mich sind.“

„Warum denn, du bist doch ein Tänzer vor dem Herrn. Wer in deinem Alter kann schon den Scherenschritt tanzen?“

Stefan schmunzelte kurz. Er musste an eine Party vor ein paar Jahren in Bamberg denken, bei der er und Maximilian eine etwas steife Geburtstagsfeier aufgefrischt hatten. Sie mixten exotische Cocktails, verteilten Shots an die Gäste und hatten Spaß auf der Tanzfläche. Bei dem Lied „I follow rivers“, das damals in den Charts war, kam Stefan dermaßen gut in Fahrt und machte ganz außergewöhnliche Tanzbewegungen. Maximilian hatte so etwas nach seinen Angaben noch nie gesehen hatte und nannte sie fortan den „Scherenschritt“.

„Ach ja, der Scherenschritt. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich den damals hinbekommen habe.“

„Da hatten wir auch etwas mehr Spaß als hier. Schau dich doch mal um. Die sind alle total verkrampft, oder nicht?“

Stefan sah Maximilian unsicher an und murmelte leise „vielleicht“ vor sich hin. 

„Ich sehe, dich bekommen wir gerade nicht locker. Was ist denn los?“

„Siehst du die Blonde dahinten, die gerade mit dem Typen spricht?“

„Welche? Die da?” Maximilian zeigte mit dem Finger in Richtung Bar. 

„Oh Gott. Nicht so auffällig. Die sieht uns doch.”

„Stimmt, du hast recht. Also die da hinten?” Maximilian nickte nicht minder auffällig in dieselbe Richtung. 

Stefan holte tief Luft. Er kannte Maximilian gut genug um zu wissen, dass er immer wieder ein bisschen unkoordiniert in seinen Aktionen war. 

„Genau die. Sie hätte die Frau meines Lebens sein können.“

„Die ist doch viel jünger als du.“

„Echt? Die ein bis zwei Jahre.“

„Na eher zehn bis zwölf.“

„Okay, dann halt zehn bis zwölf Jahre.“

„Hast du nicht mal gesagt, dass du Frauen nicht leiden kannst, die auf tätowierte Typen stehen?“

„Genau, kann ich auch nicht.“

„Na, dann sei froh, dass du der Frau deines Lebens aus dem Weg gegangen bist.“

Stefan bemerkte, wie Lena heftig mit einem bärtigen Mann flirtete, der an beiden Armen komplett tätowiert war. Er blickte fassungslos in ihre Richtung. 

„Was hat denn der auf den Armen? Sind das große Totenköpfe?“ Stefan schüttelte den Kopf. „Wie kann man seinen Körper so verunstalten? Die Arme sehen ja aus wie verkohlt.“

„Auch mal schön“, erwiderte Maximilian süffisant. 

„Welchen Grund hat man denn, sich Bilder von Totenköpfen in die Haut zu rammen?“ 

„Vielleicht hat der eine Todessehnsucht oder der Tätowierer hat sich schlichtweg ‚verstochen‘.“

Stefan hörte gar nicht richtig zu und sagte: „Und noch viel schlimmer, warum stehen Frauen auf so etwas?“

Maximilian war klar, dass Stefan wieder in einen seiner Monologe über dieses Thema verfiel. Bevor er antworten konnte, fuhr Stefan fort: „Wahrscheinlich fährt der Typ einen blitzblanken BMW X6 ohne jeglichen Aufkleber, aber seinen Körper verschandelt er sich. Habe ich dir schon mal von diesem Vergleich erzählt?“

„Ja, mehrfach“. 

„Okay. War mir nicht mehr sicher.“ Stefan hielt kurz inne und sprach dann weiter: „Das ist wie mit dem Regenwald. Wenn der abgeholzt ist, dann wächst da nichts mehr nach, da kann man sich noch so anstrengen und neue Bäume pflanzen. Genauso ist es bei Tätowierungen: Einmal die blanke Haut beschmiert und das bleibt dann für die Ewigkeit. Denn auch mit Lasern bekommt man das nicht mehr richtig weg, weißt du?“ 

Maximilian verdrehte die Augen, doch Stefan hörte nicht auf: „Ich kann mich manchmal schon nicht entscheiden, welches T-Shirt ich anziehen soll, wie kann ich dann …“ 

Genervt unterbrach ihn Maximilian: „Mensch, Stefan, der Typ ist halt cool und traut sich was. Nicht so wie du, der beim Ansprechen von Frauen total verkrampft ist.“

„Kann sein.“

„Was war denn vorhin los mit dieser Frau?“

Stefan zögerte kurz und sagte dann nachdenklich: „Voll peinlich sag ich dir! Ich war mir so sicher, dass sie für mich bestimmt ist. Hatte das derart im Gefühl.“

„Na, das ist ja schon mal gut. Und dann?“

„Nach reichlicher Überlegung bin ich irgendwann einfach zu ihr hin. Ich wäre dabei fast gestorben.“

„Wegen der da hinten, die gerade mit dem Totenkopf-Äffchen schmust?“

„Was?“

„Nein, war Spaß. Erzähl weiter.“ 

„Mach das nicht noch mal“, ermahnte ihn Stefan und grinste dabei verkrampft. „Also, ich bin zu ihr hingegangen und stand dann auf einmal vor ihr.“

„Gut, zwangsläufig.“

„Max, lass mich doch mal ausreden.“

„Okay, sorry.“ 

„Ich stand vor ihr und habe direkt in ihre klaren blauen Augen geschaut.“ 

„Und ...?“ 

„Ja, nichts. Mein Kopf war leer und mir fiel nichts ein. Dann sagte ich einfach nur: ‚Hallo, bist du zum ersten Mal hier?‘“

„Na gut, gibt bessere Anmachsprüche.“

„Das ist mir auch klar.“ 

„Was sagte sie?“

„Nein.“

„Wie, nein?“

„Ja, nein halt.“

„Verstehe. Und anschließend …?“

„Anschließend bin ich wieder dahin zurück, wo ich herkam.“

„Hm, was soll ich sagen? Da hast du ja fast alles richtig gemacht“, erwiderte Maximilian ironisch. Er schien sichtlich Gefallen an Stefans Geschichte zu haben. 

Idiot. Stefan war drauf und dran, beleidigt zu sein. Er beschloss jedoch, das Erlebte mit mehr Humor zu nehmen. Vielleicht war es ja hilfreich …

„Was hättest du denn gesagt?“, fragte Stefan. 

„Also mein Lieblingsspruch ist immer: Bier oder Cocktail?“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

„Doch, klar. In der Disco ist es immer hilfreich, sinnbefreite und vor allem einfache Dinge zu sagen.“

„Ach nee.“

„Natürlich. So lenkt man das Gespräch auf die Alkoholebene, lockert die Situation und kann anschließend eine unverkrampfte Konversation führen.“

„Und das funktioniert bei dir?“

„Ja, fast immer.“

„Warum bist du dann schon so lange Single?“

Maximilian wartete kurz, bevor er antwortete, und nickte dabei mit dem Kopf.

„Ein guter Punkt, ein guter Punkt. Gebe ich dir recht. Aber das hat andere Gründe.“

„Na gut. Gegebenenfalls probiere ich deinen Spruch mal aus.“

„Solltest du. Am besten heute noch.“

„Weiß nicht. Muss mich zuerst einmal erholen.“

„Das ist die falsche Einstellung, Stefan. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Komm, jetzt schauen wir uns mal um, wen du ansprechen könntest.“ 

Sie betrachteten das Geschehen im T90 in Nürnberg. Die Diskothek gab es schon länger, nach einer umfassenden Renovierung wurde sie kürzlich wieder neu eröffnet. Das Besondere am T90 war, dass sie im Flughafengebäude untergebracht war. Man konnte von dort aus durch einige große Scheiben direkt auf die Rollbahn schauen und den Flugzeugen beim Starten und Landen zusehen. 

Mit der Beschreibung dieser Location konnte man Auswärtige, die dort noch nie waren, immer sehr beeindrucken. Man durfte nur nicht erwähnen, dass am Nürnberger Flughafen nicht immer Flugzeuge zu sehen sind. Doch schließlich war das T90 ja auch keine Aussichtsplattform, sondern eine Disco.

Und in dieser war heute besonders viel los. Auf der Tanzfläche konnte man sich fast nicht bewegen, so voll war es. Es war eng und heiß, unweigerlich roch man den Schweißgeruch der anderen. Die Einführung des Rauchverbotes war sicherlich eine gute Sache, aber in manchen Momenten wünschte man sich Ausnahmen davon. 

Stefan blickte umher und beobachtete die tanzende Masse. Aus den Lautsprechern dröhnte „Auf uns“ von Andreas Bourani. Viele grölten den WM-Song lauthals mit. Bei manchen machte sich reinste Ekstase breit, als ob Mario Götze gerade eben erst die deutsche Nationalelf zum Weltmeister-Titel geschossen hätte. 

Je mehr sich Stefan umsah, desto stärker fielen ihm einige extrem affektierte und laut lachende Frauen auf. Sie wirkten gekünstelt ausgelassen und verhielten sich so, als seien sie die bestgelauntesten weiblichen Exemplare überhaupt. 

„Schau dir mal die ganzen Frauen hier an. Bisschen arg aufgedreht, oder?“, schrie Stefan Maximilian ins Ohr. 

„Das Gleiche habe ich auch schon gedacht. Fällt dir auf, dass es meistens so Frauen um die 40 sind, die hier noch mal alles geben?“

„Könnte hinkommen. Die sind auch äußerst aufreizend gekleidet. Nicht, dass ich was dagegen hätte. Aber etwas übertrieben ist das schon.“

„Weißt du, die wollen es einfach noch mal wissen.“

„Wie meinst du das?“

„Mensch Stefan, du kennst dich auch gar nicht aus mit Frauen.“

„Zum Glück habe ich ja dich“, erwiderte Stefan. 

„Genau“, meinte Maximilian und fuhr nach einer kurzen Unterbrechung fort: „Bei Frauen ist es so, dass sie bis Anfang 30 nach dem optimalen Partner suchen. Deshalb verhalten sie sich wie eine Prinzessin und weisen so Typen wie dich einfach ab, weil ja an der nächsten Ecke noch ein viel besserer auf sie zukommen könnte.“

„Ach, ist das so?“

„Ja, ist mehrfach wissenschaftlich belegt“, grinste Maximilian. Es war manchmal schon erstaunlich, wie überzeugt er seine Theorien vertrat. 

„Aus biologischer Sicht suchen Frauen den perfekten Partner, der für die Fortpflanzung geeignet ist. Und dabei geben sie zwar vor, einen netten und ganz normalen Typen zu wollen, der humorvoll, intelligent und auch sensibel ist. Allerdings suchen sie dann doch einen wahren Mann, der selbstbewusst ist, gerne einen dummen Spruch auf den Lippen hat, sie auch mal schlecht behandelt und sagt, wo es langgeht. Im Endeffekt einen Macho. Daher kommst du ja auch bei den Frauen nicht so an. Du bist noch in dem Alter, in dem du für die meisten noch nicht interessant genug bist.“

Stefan überlegte, was er von Maximilians Philosophien halten sollte. Er wollte das nicht glauben. 

„Ich gehe jetzt mal auf die Tanzfläche“, beschloss er und strebte auf eine Lücke in der Menschenmenge zu, die er gerade erspäht hatte. 

„Warte, ich komme mit“, erwiderte Maximilian und hastete Stefan hinterher. 

Auf der Tanzfläche war es dermaßen eng, dass man sich kaum bewegen konnte. Die Hitze stieg von Minute zu Minute. Schweißperlen rannen von Stefans Stirn. Hin und wieder zwängten sich Karawanen von Kleingruppen durch die tanzende Menge, meist mit Getränken in Form von Flaschen oder Gläsern bewaffnet, um von der einen Seite der Tanzfläche hinaus auf die angrenzende Außenterrasse zu gelangen. 

Neben Stefan und Maximilian zwängten sich plötzlich zwei Frauen Ende 40 auf die Tanzfläche. Eigentlich gab es keinen Platz mehr, aber das schien den beiden egal zu sein. Sie hatten Frisuren aus den 80er-Jahren und hätten Schwestern von Bonnie Tyler sein können. Jetzt fehlte nur noch „Total Eclipse of the Heart“ oder „It’s a heartache“ aus den Lautsprechern. 

Stefan fiel auf, dass die beiden Damen sich mehr und mehr in einem seltsamen Aerobic-Stil zu bewegen begannen. Dabei glänzten sie mit übertriebenen Auf- und Abwärtsbewegungen der Ellbogen, ähnlich dem Schlittschuhschritt beim Langlauf. Man konnte nicht erkennen, ob es sich um Spaß oder Ernst handelte. Stefan befürchtete, dass es sich um ihren alltäglichen Tanzstil handelte. Auch Maximilian entgingen die ausdrucksstarken Damen nicht. 

Eine der beiden, die mit den besonders auftoupierten Haaren, berührte Stefan bei ihren massiven Bewegungen verstärkt mit dem Ellbogen, was sie aber nicht weiter zu stören schien. Maximilian rief Stefan ins Ohr: „Ich glaube, die scheint dich zu mögen.“ 

Das wäre kein Wunder gewesen, da Stefan oft schräge Frauen oder Frauen, für die er sich nicht interessierte, anzog. 

„Komm, das ist unsere Chance. Ich glaube, bei denen stehen wir hoch im Kurs.“

Trotz der schmeichelhaften Ellbogenhiebe fühlte sich Stefan alles andere als wohl. Er war nicht in der Stimmung, mit den 80er Damen aufzufallen und ebenfalls als seltsam angesehen zu werden. 

„Ich hole mir mal was zu trinken“, rief er Maximilian zu und entfernte sich von der Tanzfläche. 

Maximilian war zwar über Stefans Abgang überrascht, witterte aber sofort seine Chance und nahm unmittelbar die frei gewordene Tanzlücke ein. Er war bereit für Bonnie Tyler’s Ellbogenschläge.  

Aus den Augenwinkeln bemerkte Stefan, wie Maximilian ebenfalls den Aerobic-Stil zu tanzen begann und fast synchron in die Bewegungen der beiden Frauen einstieg. Diese waren sichtlich erfreut. Stefan schüttelte leicht den Kopf und lief zur Bar. Er brauchte jetzt etwas Abkühlung. 

Warum mussten Bestellungen an der Bar in der Disco immer so chaotisch ablaufen? Das hatte sich Stefan schon mehrfach gefragt. 

In zwei Reihen drängten sich Menschen an der Theke entlang und suchten nach freien Zugangsplätzen zum Counter. Wie meist war der Zugang zur Bar durch sitzende oder stehende Personen versperrt, von denen man nicht wusste, ob sie auch etwas bestellen wollten oder nur einfach den Platz besetzten. 

Hinter der Theke huschten ein paar Barkeeper hin und her wie in einem Ameisenhaufen. Dabei schienen sie ständig beschäftigt zu sein und schauten kaum auf. Man konnte nur erahnen, wer von ihnen bereit sein könnte, eine Bestellung aufzunehmen. 

Jeder der anstehenden Menschen wartete offensichtlich auf seine Bestellchance und wollte der Nächste sein, der seinen Drink-Wunsch über die Theke rief oder auch brüllte – es war schließlich extrem laut. 

Die Männer wollten außerdem bei dem ganzen Prozess einen guten Eindruck machen. Schließlich zeigte sich bei der Bestellung an der Theke, wie gut man sich gegen andere Primaten durchsetzen und behaupten konnte. Es war somit ein Überlebenskampf wie im Tierreich.

Während Stefan noch über die Vergleiche mit der Tierwelt sinnierte, bemerkte er auf einmal eine hübsche dunkelblonde Frau, die geduldig neben ihm wartete. Sie trug ein enges schwarzes Kleid und hielt einen Zehn-Euro-Schein in den Händen. Stefan fielen sofort die knallrot lackierten Fingernägel auf, wobei der Ringfinger in einem helleren Farbton gehalten war.  

Es waren sehr schöne Fingernägel und Hände, was bei Frauen nach Stefans jüngster Beobachtung nicht allzu häufig vorkam. Früher hatte er es nie so bemerkt, doch es gab in der Tat massive Unterschiede zwischen Frauen, was Hände und Fingernägel betraf. 

Darüber sollte ich mal ein Buch schreiben, überlegte Stefan. Manche Frauen haben unheimlich kleine Fingernägel, andere wiederum ganz große. 

Eine sehr bedeutsame Erkenntnis, hörte er eine andere Stimme in seinem Kopf. Konzentrier dich mal lieber auf deine Bestellung und das süße Mädchen neben dir.

Und da war sie wieder, seine Anspannung. Seine Gedankenmaschine setzte sich in Bewegung. Sollte er etwas sagen? Und was sollte er sagen?

Stefan schielte nach rechts und achtete darauf, ob sie ihn auch anschaute. Aber das war anscheinend nicht der Fall. Sie blickte fokussiert in Richtung Theke und schien auf ihre Gelegenheit zu warten, den Barkeeper anzusprechen. 

Stefan kam eine Idee und er wusste auf einmal, was er ihr sagen könnte. Er versuchte zu lächeln und sich bemerkbar zu machen, was ihm allerdings nicht gelang. Er räusperte sich, um sich etwas lockerer zu machen und fragte: „Na, Bier oder Cocktail?“ 

Ein dunkelblonder Kopf drehte sich langsam in Stefans Richtung. Er hatte keine Ahnung, was ihn jetzt erwarten und ob er die Antwort „Bier“ oder eben „Cocktail“ erhalten würde. Er hatte auch noch keinen Plan, wie er die Konversation anschließend fortsetzen sollte. 

Die Lippen der süßen Dame, und sie war in der Tat wirklich süß, spitzten sich. Sie setzte zu einer Antwort an. 

„Ich mag keinen Alkohol.“

Damit hatte Stefan nicht gerechnet. Er war perplex. Sein Kopf war leer. Gleichzeitig konnte er sich nicht entscheiden, ob er „ich schon“ oder „ich auch nicht“ antworten sollte. Was hatte ihm Maximilian da nur eingebrockt? 

„Hm“, war das Einzige, was ihm über die Lippen kam. Oh verdammt, schoss es ihm durch die Gehirnwindungen. Er fühlte sich wie ein Versager. 

„Eine Johannisbeerschorle“, hörte er sie deutlich sagen. Sie hatte sich in eine Lücke an der Theke vorgearbeitet und hatte ihre Bestellung abgegeben, ohne Stefan nochmals eines Blickes zu würdigen. 

In diesem Moment wurde Stefan plötzlich eines klar: Es war Zeit zu gehen.